juin 03, 2014

Linde Zeit

Es ist diese Zeit im Jahr. Die linde Zeit. «Liþa» nannte man sie vor Hunderten von Jahren – die sanfte und schiffbare Zeit. Es sah damals nicht anders aus als heute hier. Der Fluss, die Felsen, der Wald. Nichts sonst. Höchstens ein verlorenes Häuschen, Kalksteinmauern in der Sonne, ein kleiner Garten, ein kühles Bier. 



Wir sind am Doubs, ganz im Westen der Schweiz. Alles trägt hier keltische Namen, der Fluss, der Wald. Doubs, dass hiess einst «der düstere, wilde». Im Winter ist er das wirklich, wenn kaum ein Sonnenstrahl in die Schlucht fällt, die sich tief in die rauhen Hochebenen der Freiberge eingegraben hat. Nun, zur linden Zeit, ist er das kaum. Alles ist grün, das Wasser frisch und kühl. Bei les Brenets steigen wir hinunter in den Canyon, und bleiben drei Tage darin. 


Drei Tage lang sehen wir nur Wald und Wasser, Grün in allen Schattierungen. Drei Tage lang hören wir nur den Fluss, rauschend und tosend, wenn er über die Felsen stürzt, leise gluckernd und plätschernd, wenn er langsam über die Kiesel rinnt. 

Wir schwitzen in der Sonne, sitzen abends zwischen Wolken vom Mücken am Ufer. Wir leben und lieben in der grossen Wärme, dem grossen Grün. Den Himmel sehen wir nur ab und zu, zwischen den Felsen, durch die Äste. Es ist, als wären wir ganz weit drinnen im Land, in seinem Schoss, ganz nahe bei seinem feuchten, steinernen Herzen. In einer Höhle ohne Dach, überwuchert und durchtränkt vom Licht.  
Dann liegst Du in der Hängematte, und der Mond verschwindet hinter den Tannen hoch oben, wo das Land in die Schlucht abbricht. Und das Wasser schmatzt und schluckt und lacht verschmitzt, über Dir schaukeln die Wipfel vor den Sternen, und es wiegt dich sanft und langsam in den Schlaf.


Am schönsten ist es aber doch im Wasser. Du sitzt auf einem moosigen Stein, die Strömung drückt gegen die Brust, den Bauch, umspült Dich, reisst an Dir und stösst Dich hin und her, lechzt um jedes Glied. Nur der Kopf ist immer in der Sonne, nur manchmal machst Du die Augen auf und siehst, wie das Wasser aus dem Wald auf Dich zuschiesst, frisch und kalt und fruchtbar, dahinter die Weiden und der Wald. 



Es ist diese Zeit im Jahr. Die linde Zeit. 


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